008: FRIENDZONE

Befindlichkeits-Brainwashs und gefährliche Karrenfahrten.


»Keine Liebe für die Medien im deutschen Rap
Ich les' splash! Mag und ALL GOOD, aber der Rest ist wack«

    – LGoony, »Keine Euros«, September 2015


2011, ungefähr so muss es gewesen sein, fing ich an, mir am Kiosk die Juice zu kaufen. Die Backspin ebenso. Bei allem Respekt für die journalistische Bandbreite: Ich las vor allem Artikel über die Musik, die ich sowieso schon kannte. Und trotz Abonnement zog es mich bald ins Internet. Ich stieß auf das splash! Mag, das nicht nur genau über meine Nische berichtete, sondern mir auch neue Artists zeigte, die ich anschließend gut fand. Und es gab ALL GOOD, ein irgendwie nerdiges und wenig bekanntes Online-Magazin mit Twitter-Hype, das tief grub und mir auch Bekanntes neu servierte und ansprechend machte. 

2014, ich war noch ein halbes Jahr vom Abitur entfernt, erschien bei ALL GOOD zum Jahresabschluss ein Text von Jan Wehn, der mich damals mäßig interessierte. Ich verschlang ihn trotzdem, denn ich war süchtig nach Jahresrückblicken, es war meine Chance, endlich aufzuholen und Musik zu entdecken, von denen meine Freund:innen noch nie gehört hatten. Jan Wehn konstatierte damals also: »Irgendwann schrieb ich nur noch nett«. Ist doch sein Problem, dachte ich damals wahrscheinlich. Als es 2017 Zeit für ein Pflichtpraktikum wurde, bewarb ich mich unbeirrt bloß auf eine Stelle: In der Redaktion des splash! Mag

Es war nicht das erwartete Big Business. Außer mir, dem Praktikanten, der für ein halbes Jahr blieb, bestand die Redaktion aus zwei Frauen, denen ich sehr viel zu verdanken habe: Miriam Davoudvandi und Nina Nagele. Das allein nahm schon einen Einfluss auf das Verhalten von Industrie und Künstler:innen gegenüber dem Magazin. Gleichzeitig war von Anfang an klar: Das hier ist zu viel Arbeit für zweieinhalb Menschen. Und weiter: Ohne die Eventfirma im Rücken wäre diese Arbeit finanziell und infrastrukturell gar nicht möglich. Das merkte auch diese Firma irgendwann, und das splash! Mag wurde 2019 zum Nicetry Magazine, aber darüber brauchen wir nicht sprechen. 

Ich wusste Bescheid über die Tücken dieses Berufsfeldes, ich hatte ja 2014 gelesen, wie frustriert Jan Wehn war vom Kollegium, von »Gruppenkuscheln« und »QVC-artigen Verkaufsgesprächen«. Ich versuchte also, über Musik zu schreiben, die mich interessierte, Gespräche zu führen, die andere interessieren könnten. Und trotzdem wollte ich niemandem auf den Schlips treten. Meine goldene Regel war: Befand ich etwas für schlecht, schrieb ich nicht darüber. Weder hatten wir Lust auf Bedrohungen durch entsprechende Rapper:innen, noch wollten wir problematischen Inhalten eine Plattform geben. Das traf nicht nur Newcomer:innen, sondern auch ausgewachsene Rapstars wie Kool Savas, der uns etwas später eine merkwürdige Zeile widmete. Heute weiß ich: Diese goldene Regel war falsch. 

Spätestens als ich völlig desinteressiert im Interview mit einem in meinen Augen belanglosen und unangenehmen Künstler saß, damit uns die PR-Firma ein anderes Interview zuspricht, hätte mir klar werden müssen, dass eine Schieflage herrscht. Denn das »symbiotische Nutznießerdasein«, das Jan Wehn 2014 beschrieb, hat sich heute gewandelt. Die Abhängigkeit des splash! Mag von einem Eventveranstalter war ein Vorgeschmack auf das, was heute häufig unter HipHop-Journalismus läuft. Die Majorlabels haben längst eigene Formate entwickelt, in denen sie Hintergründe zu ihren Künstler:innen preisgeben, 16BARS ist ständig Auf Level und die Redaktionen der großen Streaming-Dienste haben die Entscheidungsmacht darüber, welche Newcomer:innen den Sprung ins Rampenlicht schaffen. Andere Magazine haben sich durch vorgeschobene Neutralität und völlige Inhaltsleere in die geistige Irrelevanz und ins Entertainmentsegment befördert, aber wenigstens riskieren sie nicht ihre Werbepartnerschaften mit Energydrinkmarken, Autoherstellern oder Onlineversandhändlern. 

Die Beziehung zwischen Musikjournalismus und Industrie ist mindestens im HipHop von einem enormen Machtgefälle geprägt. Finanzieller Erfolg erwartet nur jene, die freudig kooperieren. Der schon lange dörre Nährboden für kritischen und substantiellen Journalismus ist durch dieses Verhältnis versauert. Dennoch bleiben die Beziehungen in der Industrie auf eine merkwürdige Art freundschaftlich. Und ich fühle mich manchmal wie Jan Wehn damals, als er nur noch nett schrieb. Dieses Jahr ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich eine kritische Rezension nicht schreiben wollte, weil ich den betreffenden Künstler schätze und zu meinen Freunden zähle. Ich hatte es mir sogar schon vorgestellt, wie ich es ihm ins Gesicht sage, wie ich ihm persönlich erkläre, was mich stört. Und ich konnte es dennoch nicht über mich bringen, diese Gedanken öffentlich zu machen. Im Nachhinein doppelt Quatsch: Einerseits hat ein solches Gespräch nie stattgefunden, andererseits wäre es ihm wahrscheinlich auch egal gewesen. Da ist er: Der »Befindlichkeits-Brainwash erster Güte«, wie Wehn schreibt.

Ich stellte fest: Es klappt so nicht. Man muss über Dinge schreiben, die man schlecht findet. Denn sonst tun es andere, aber schlechter. Und man regt sich wieder auf. Und ich musste mir die Frage stellen, für wen ich eigentlich schreibe. Nicht für die Artists, die sich mit einem Repost bedanken, nicht für eine wie auch immer geartete Community, die ihre Meinung zum jeweiligen Thema meist nach Überfliegen der Überschrift eines Artikels in die Kommentarspalte pfeffert. Und sicher nicht für die Hater, die bloß noch etwas spüren, wenn jemand in besonders hochgestochenen Worten irgendwelche Künstler:innen demontiert, die sie schon immer irgendwie cringe fanden. Ich schreibe in erster Linie für mich selbst. Denn ich interessiere mich ehrlich dafür, worüber ich schreibe, egal, ob ich die musikalische Umsetzung der depressiven Kokainarroganz Haftbefehls lobpreise oder K.I.Z. vorwerfe, die deutschesten aller Humorebenen zu bespielen. 

Damit nehme ich es in Kauf, wie Daniel Gerhardt 2014 in der Spex schrieb, »den Karren zur Not mit Schmackes vor die Wand« zu fahren. Und ich löse mich davon, Verantwortung für eine Szene zu übernehmen, die so geschlossen schon lange nicht mehr existiert. Ich muss nicht über Dinge schreiben, die mich nicht interessieren. Es gibt keine journalistische Pflicht zur Uhren- und Autokauf-Berichterstattung, ich verspüre ebenfalls keinen Drang, Bedürfnisse von Konsumierenden zu befriedigen. Beim splash! Mag lernte ich nicht nur Haltung, sondern auch, dass es gut ist, über gute Sachen zu schreiben. Und bei ALL GOOD lernte ich, dass ich noch viel zu lernen und entdecken habe, dass es sich auch mal lohnt, über Schlechtes zu schreiben, wenn der Text gut wird und das Thema wichtig ist. 

Der Clou ist nämlich: Es geht gar nicht um die Künstler:innen – sondern um ihre Ideen, die Substanz ihrer Kunst. Und da braucht es von allen Seiten Professionalität und Mut, sich von persönlichen Befindlichkeiten zu lösen. Wenn Musikjournalismus schon nur noch in Freundschaft mit der Industrie bestehen kann, wäre diese Nähe genau die richtige Basis, um beständig Kritik zu üben. Zu sagen: Das war Mist. Probier’s nochmal. Denn dafür sind Freund:innen da.