004: DEUTSCHER HUMOR

Hahaha, schieß mich tot.

Content Warning: Mentions of Rape, Femizid & Mord. In diesem Text werden Rapzeilen behandelt, die auf einige Menschen retraumatisierend wirken könnten. 



»Ihr Untermenschen, verbeugt euch nun vor
Den Erfindern von deutschem Humor«

– KIZ, »Wir« , Juli 2015


»Fun ist ein Stahlbad«, schrieben Adorno und Horkheimer und meinten damit in erster Linie K.I.Z. Denn wie die Tracht Prügel für Donald Duck dessen Zuschauer:innen nur an die Gewalt ihres Alltags gewöhnt, wirken die andauernden Vergewaltigungswitzchen der Rapgruppe aus Berlin mindestens desensibilisierend, im schlimmsten Fall retraumatisierend. »Das Lachen über etwas ist allemal das Verlachen« schreiben Adorno und Horkheimer und Tarek K.I.Z erzählt freudig, der Sex sei so gut gewesen, er erzähle ihren Eltern sogar, wo er die Leiche der Frau vergraben habe. Warum sollte ich an dieser Stelle lachen?

Lachen kann höchstens, wer sich sicher ist, dieser Gewalt entrinnen zu können. Die Rapper meinen, ihre Texte seien niemals schlimmer als die reale Gewalt, unter der wir alle leben, und das mag stimmen. Das verleitet mich aber mitnichten dazu, hier eine interessante Spiegelung oder Verarbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse zu erblicken, die Texte erscheinen dadurch in nur noch matterem Licht als schon zuvor. Wer darüber lacht, muss privilegiert oder vollkommen verklärt sein. Schon das macht den Humor der Rapper tatsächlich sehr deutsch.

Deutscher Humor ist der Leitsatz, jede:r habe das Recht, beleidigt zu werden. Komischerweise führt das zumeist dazu, nach unten zu treten. Wie Serdar Somuncu, der noch 2020 meinte, zu satirischen Zwecken das rassistische N-Wort benutzen zu dürfen oder Chris Tall, der 2017 die Reichskristallnacht als geschmackvolle Referenz für einen »Bude abfackeln«-Witz betrachtete. Bei Lisa Eckhart grapscht der geldgeile Jude und Tarek K.I.Z rammt seine Zunge »zwei Meter in deine Schwulenfresse«.

Es gibt natürlich winzige Momente, in denen Deutscher Humor tatsächlich etwas durchbricht, etwa, wenn Maxim behauptet, seine Texte wären so frauenfeindlich und antisemitisch, dass »Leute denken, wir hätten was aus der Bibel gerappt«. Das eigentliche Problem mit dem »Recht auf persönliche Beleidigung« ist aber, dass der Leitsatz voraussetzt, man dürfe das, was man sagt, eigentlich nicht sagen. Dabei ist das Treten nach unten doch Staatsräson und absoluter Mainstream. Die Forderung, auch künstlerisch auf Diskriminierung zu verzichten, ist immer noch eine Randerscheinung, egal, wie oft Ulf Poschardt »Wokoharam« schreit. Und selbst linke Fans linker Bands können beruhigt diskriminierende Sprache verwenden, denn die Vorbilder benutzen sie, die Vorbilder wissen es besser. 

Aber natürlich besteht die Musik von K.I.Z nicht nur aus oben genannten, ironisch-diskriminierenden Zeilen. In erster Linie, und das wird dem Übertitel »Rap über Hass« durchaus gerecht, enden enorm viele Menschen unter der Erde. Julian Reichelt enthauptet, Opa, Tochter, Schwester tot, Flugzeug abgestürzt, Säugling gebraten, Amoklauf auf dem Straßenfest, Tinder-Dates müssen auch dran glauben. Die Aufzählung reicht, um zu verstehen: Deutscher Humor ist, wenn jemand stirbt. Und nicht mal das haben die vermeintlichen Lichtfiguren progressiver, gar linker Rapmusik erfunden. 

»Zum Totlachen«, so betitelt Maxim Biller schon in den 90er-Jahren eine Kolumne über den Humor dieses Ländchens. Die deutsche Unart, ständig jemandem den Tod zu wünschen, sei es im Satiremagazin Titanic oder unter anderen Intellektuellen, sei, so folgert Biller, Ausdruck der deutschen Unfähigkeit, sich einem Anderen zu stellen. Stattdessen wird immer das Andere verantwortlich gemacht für das eigene Leid und muss demnach beseitigt werden, ob am Stammtisch, im Kabarett oder in der politischen Diskussion. Und so ist vielleicht auch die mordlustige Kunst von K.I.Z als Akt der Verzweiflung zu lesen, als Unsouveränität, sich ernsthaft mit den scheinbaren Störfaktoren der eigenen Realität auseinanderzusetzen. Auf den Konzerten stimmen alle ein, jede:r will einmal ein lyrisches Du umbringen, denn diese Unfähigkeiten sind gesellschaftlich verankert. 

Und ausgerechnet den Aktivist:innen der Political Correctness wird bei Kritik immer wieder vorgeworfen, sie wären gefangen in ihrer heilen Welt. Obwohl sie sich doch immer wieder entscheiden, sich diese menschenverachtenden Zeilen anzutun und damit schon längst aus ihrer Komfortzone heraustreten. Und wenn dann irgendwann die Argumente fehlen, endet der Streit um problematische Texte wie so oft im Ausspruch, man werde sich nichts verbieten lassen. Es ist der Ruf nach einem Freiheitsbegriff, der immer die eigene Freiheit, aber nie die der anderen mit einschließt. Von ihm sind alle deutschen Diskurse um Meinungs- und Kunstfreiheit geprägt, vielleicht der letzte Beweis für die US-amerikanische Zivilisierung der Deutschen nach Fünfundvierzig. Das 20. Jahrhundert hat die Moral zerstört und der Deutsche Humor arbeitet fleißig daran, sie nie wieder möglich zu machen.